Alt-Hanau für Eilige – ein kurzer Rundgang

Der von Deutschland ausgegangene „totale Krieg“ war kurz vor der Kapitulation des Dritten Reiches mit voller Wucht auch nach Hanau zurückgekehrt. Am 19. März 1945 vernichteten innerhalb von nur wenigen Minuten Tonnen alliierter Bomben die über Jahrhunderte gewachsene Innenstadt.

Sehr wenige Zeugnisse der stolzen bürgerlichen Tradition Hanaus überdauerten das Inferno, andere historisch bedeutsame Bauten wurden wenig später leider dem Wiederaufbau für Wohnbauten geopfert oder achtlos abgerissen.
Wer mit offenen Augen durch unsere Stadt geht, kann dennoch einige verbliebene Zeugnisse des alten Hanau entdecken, die von seiner reichen Geschichte erzählen. Nehmen Sie nachfolgende Erläuterungen als kleine – und bei weitem nicht vollständige – Hilfe für eine Spurensuche auf Texten der an denkmalgeschützten Gebäuden im Stadtgebiet angebrachten grünen Informationstafeln, die von Stadtverwaltung und Hanauer Geschichtsverein zum Altstadtjubiläum 1978 initiiert wurden und Ihnen Orientierung bieten.

Wir beginnen unseren kleinen Rundgang auf dem Schlossplatz. Unser Blick schweift zum Schlossgarten, der einstigen Keimzelle des alten Hanau und im Rahmen der Landesgartenschau erheblich aufgewerteten „grünen Lunge“ der Innenstadt mit altem Baumbestand. Hier stand auf einer Kinziginsel die Wasserburg der Herren von Hanau, 1234 erstmals als „castrum in hagenovem“ erwähnt und 1829 unter Kurfürst Wilhelm II. von Hessen - Kassel niedergelegt. Ihr vorgeschaltet zog sich das unter Graf Philipp Reinhard begonnene und seinem Bruder Graf Johann Reinhard von Hanau-Lichtenberg vollendete Stadtschloss hin, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und später abgetragen wurde.
Von der einstigen Pracht der Schlossanlage zeugen noch das ehemalige Regierungsgebäude, 1685 bis 1691 erbaut (Architekt Johann Philip Dreyeicher), heute Domizil der Stadtbibliothek mit landeskundlicher Abteilung Hanau-Hessen, des Stadtarchivs, des Hanauer Geschichtsvereins, der Wetterauischen Gesellschaft und des Lesecafés der Eugen-Kaiser-Schule. Über den Haupteingang findet sich das Allianzwappen des Grafen Philipp Reinhard und seiner ersten Gemahlin Magdalena Claudina von Pfalz-Zweibrücken. Rechts sehen wir das älteste noch erhaltene Bauwerk der Altstadt, den bereits 1338 erstmals erwähnten Wasserturm, Endturm der Stadtmauer. Er stand einst im Wasser des Burg- und Stadtgrabens und diente zeitweise als Gefängnis. Seit 1962 sind in ihm Teile des Stadtarchivs untergebracht. Der ehemalige gräfliche Fruchtspeicher im Fronhof war seit 1872 Gefängnis, in den Jahren der Naziherrschaft erste Station für hunderte politischer Gefangener aus Hanau und Umgebung ihrer Verschleppung und Ermordung. Das Gebäude der Baugesellschaft (Heinrich-Bott-Str. 1) gehört nicht zum alten Schlosskomplex. Es wurde in den 1930er Jahren erbaut und gilt als eines der wenigen erhaltenen Bauten der NS-Zeit in Hanau.

Aus den Jahren 1712/1713 stammt der Marstall am Schlossplatz. An seiner Südseite, heute vom Foyer des „Congress Park Hanau“ überbaut, können wir ein prunkvoll gearbeitetes Sandsteinportal ausmachen. Die Pilaster zieren diverse Reitutensilien, gekrönt vom Hanau-Lichtenberger Wappen. Die Dimension des Gebäudes, wohlgemerkt „nur“ ein Pferdestall, lässt die Größe des einstigen Stadtschlosses sowie Stellung und Macht des Hanauer Grafenhauses zur damaligen Zeit erahnen. Der Marstall wurde 1928 zu einer Stadthalle umgebaut. Die Eröffnung des neuen Congress Park Hanau als Theater-, Kultur- und Konferenzzentrum erfolgte im Herbst 2003.

Wir gehen die Graf-Philipp-Ludwig-Straße Richtung Altstädter Markt entlang. Auf der linken Seite, Ecke Steinstraße, können wir in luftiger Höhe eine kleine Steinfigur entdecken. Das Original war ursprünglich an der Stütze des gotischen Erkers am Spielhaus am Altstädter Markt angebracht. Das Männchen mit den großen Ohren und Finger auf dem Mund will uns sagen: „Hier muss man viel hören und wenig reden!“

Durch die Johanneskirchgasse schreiten wir auf die Johanneskirche zu. Das Gebäude wurde 1658 – 1664 als lutherischer Kirchenbau unter Einbeziehung der alten Stadtmauer von Graf Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg erbaut (Architekt: Johann Wilhelm, Frankfurt am Main). Sie beherbergte die Familiengruft des lutherischen Grafenhauses Hanau-Lichtenberg. 1679-1691 wurde der Turm errichtet (Architekt: Johann Philipp Dreyeicher) und 1727-1729 eine umfangreiche Erweiterung durchgeführt. 1818 benannte man den Kirchenbau in Johanneskirche nach Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen, der anlässlich der Kaiserwahl Leopolds I. in Frankfurt am Main weilte und den Grundstein gelegt hatte. 1844 aus dem Verbund der Stadtmauer freigelegt, wurde auch sie am 19. März 1945 weitgehend zerstört und 1955-1956 in der Größe des Ursprungsgebäudes von 1691 als Gemeindehaus der evangelischen Marienkirchengemeinde wieder aufgebaut (Architekt: Karl Heinz Doll).

Wir laufen die Schlender- oder auch Schlenkergasse mit dem am längsten erhaltenen frei stehenden Stück der Stadtbefestigung von 1338 entlang zur Metzgerstraße. Hier hatten Handwerker und Metzger ihre Läden. Das zum Altstädter Markt hin auf der linken Seite vorgebaute Haus steht auf dem Grundriss des vermutlich zweitältesten Rathauses der Altstadt. Vom ersten Stock des sog. Spielhauses von 1483/1484, aus dem Ratszimmer, hatte man einen freien Blick in die Marktstraße und Metzgergasse, die beiden Hauptstraßen der Altstadt mit Metzgertor und Kinzdorfertor als Ein- und Auslasskontrolle, die allerdings nicht mehr vorhanden sind. Eine Vorstellung vom Aussehen des Gebäudes mit offener Halle im Erdgeschoss vermittelt eine Kartusche auf der Altstädter Markt-Seite.

Das gegenüberstehende Deutsche Goldschmiedehaus dominiert auch heute den Altstädter Markt. Es ist nachweislich das zweite, vermutlich aber bereits das dritte Rathaus der Altstadt. Der prächtige Fachwerkbau wurde 1537-1538 erbaut (Baumeister: Conradt Speck) und beherbergte in der ursprünglich offenen Halle im Erdgeschoss Mehlwaage, Tabakspresse, Löschgerätschaften etc. Nach der Vereinigung der beiden Städte Alt- und Neu-Hanau 1834 diente es als kurhessisches Landgericht, Lagerraum, Schule, von 1902 an als Museum des Hanauer Geschichtsvereins und seit 1942 als Deutsches Goldschmiedehaus. Am 19. März 1945 ist es bis auf die sandsteinernen Seitengiebel zerstört und 1955-1958 wiederaufgebaut worden (Architekt: Bruno Paul/Berlin, Wiedereröffnung am 19. März 1958). Im Dachgeschoss der Ausstellungshalle für Gold- und Silberschmiedekunst hat seit 1985 die Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. ihren Sitz.
Am Gebäude selbst können die Hanauer Elle (ein zur allgemeinen Überprüfbarkeit öffentlich angebrachtes stadtübliches Längenmaß, Hanauer Länge: 54,38 cm) sowie diverse Rotsteinreliefs mit männlichen Büsten und Hanauer Wappen aufgespürt werden. Besonders eindrucksvoll erscheinen ein Affe mit Spiegel (das Sinnbild für blinde Eigenliebe, wovor sich die Ratsherren hüten sollten!) und ein als Türklopfer gearbeiteter Löwe mit Ring im Maul. 1742 wurde die zweiläufige Treppe mit neuem Portal angefügt. Die Inschrift P.H.R.B. 1742 (Philipp Henrich Rotscheid, Bürgermeister 1742) zeugt noch davon. Der von Justitia mit Waage und Schwert gekrönte Brunnen vor dem Goldschmiedehaus stellt ein Meisterwerk renaissanezeitlicher Steinmetzkunst dar. Er wurde im Jahre 1607/08 von den Altstädter Ratsherrn in Auftrag gegeben und von dem Büdinger Bildhauer Johannes Rab geschaffen. Der Brunnenaufbau war ursprünglich farbig gefasst. Die beiden Löwen halten Schilde mit dem Altstädter Wappen und dem Wappen der Grafen von Hanau-Münzenberg. An der rechten Seitenwand des Goldschmiedehauses Richtung Marienkirche erkennen wir eine Gedenktafel für den Hanauer Chronisten und Musiklehrer Johann Daniel Wilhelm Ziegler (1809-1878). Er wohnte schräg gegenüber im Haus Altstädter Markt Nr. 4 und ist Autor der nach ihm benannten Ziegler’schen Chronik – ein von 1825 bis 1877 geführtes Tagebuch mit rund 4000 handgeschriebenen Seiten, eine wahre Fundgrube für jeden Historiker und an der Geschichte Hanaus des 19. Jahrhunderts interessierten Laien. Das nebenstehende Portal stammt aus dem Gründungshaus der Firma Jean Wunderlich, Hanau, Altstraße 2.

Die Marienkirche hat ihren Ursprung in der Mitte des 13. Jahrhunderts. 1316 wurde sie erstmals als Maria-Magdalena-Kirche erwähnt, 1434 zur Pfarrkirche erhoben (zuvor Filialkirche der Liebfrauen-Kirche im Kinzdorf). Zwischen 1448 und 1492 wirkten bei grundlegenden Umbauten und Erweiterungen die Meister Siegfried Ribsche und Hans Merckel mit. 1449 wurde das Schiff verbreitert. 1485-1492 der heute noch zu sehende Chor mit reich verziertem Netzgewölbe erbaut und 1496 das spätgotische Chorgestühl gestiftet. Von 1451-1686 Begräbnisstätte des Grafenhauses Hanau-Münzenberg (es empfiehlt sich eine Besichtigung der Gruft mit dem u. a. erhaltenen Zinnsarg des Neustadtgründers Philipp Ludwig II.; Epitaph der Adriane von Nassau, gestorben 1477, im Chorraum). 1558-1561 Umbau zu einer Saalkirche mit Doppelemporen nach reformatorischem Verständnis. Im erhöhten Dachraum Präsenzscheuer. 1818 Marienkirche benannt nach Landgräfin Maria von Hessen-Kassel. Am 19. März 1945 weitgehend zerstört, 1949-1954 wieder aufgebaut (Architekt: Karl Gruber, Darmstadt).

Wir überqueren den Dietrich-Bonhoeffer-Platz in Richtung Freiheitsplatz. Im Giebel des heutigen Restaurants Cubana entdecken wir ein Sandsteinrelief, das ursprünglich in einem Torbogen der Gaststätte „Zum Rappen“, Große Dechaneigasse, eingearbeitet war.

Der Freiheitsplatz, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch Niederlegen der Befestigungswerke zwischen Alt- und Neustadt unter Erbprinz Wilhelm entstanden, stellt auch heute immer noch eine optische wie funktionale Grenze zwischen Alt- und Neustadt dar. Wilhelm wollte hier ein fürstliches Forum entwickeln mit mehreren Bauten. Davon wurden nur das Stadttheater, die Infanteriekaserne (heute Behördenhaus) und ein Zeughaus realisiert, das er in Herrenhausen abbauen und hierher translozieren ließ. Mit dem Wechsel Wilhelms als Landgraf nach Kassel 1785 sind die Pläne zur Gestaltung des Gesamtplatzes nicht weiterverfolgt worden. So stellt sich das Gelände, nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Nutzung als Autoabstellfläche wie Omnibusbahnhof, heute noch "als unverdautes Platzgbilde dar" (so der Vater der Hessischen Denkmalpflege Wilhelm Schäfer).

Auf der linken Seite blicken wir in die Nordstraße, die einstige Judengasse Hanaus außerhalb der Altstadt (Hanauer Judenstättigkeit von 1603 unter Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg, 1608 Bau der Synagoge in der Kurve gegenüber der Gedenkstätte für die ermordeten Hanauer Juden. Das Gotteshaus wurde während des Novemberpogroms 1938 zerstört). In der Judengasse wurde 1800 der berühmte Maler Moritz Daniel Oppenheim geboren. An der ehemaligen Ghettomauer (bis 1806) wurden im Mai 2010 auf Initiative des Hanauer Geschichtsvereins mit weiteren Kooperationspartnern von der Stadt Hanau individuelle Namenstäfelchen in Erinnerung an die ermordeten Hanauer Juden angebracht.
An der Hauswand der Baugesellschaftshäuser hinter den Resten der ersten Stadtbefestigung mit Diebs- oder Hexenturm sehen wir eine Reminiszenz an Grimmelshausens Simplicus Simplicissimus, der im Dreißigjährigen Krieg auch in Hanau spielt. Das Kunstwerk wurde in den 1960er-Jahren von dem Hanauer Maler Alexander Harder zusammen mit August Peukert kreiert. Die Ausführung oblag der Firma Baudekoration Wenzel/Hanau.
Die Keramiktafeln mit Tiermotiven entlang der Nordstraße und Im Schlosshof, die den Kindern das Finden „ihres“ Hauseingangs erleichtern sollten, wurden 1951 von Wilma Lapp unter Mitwirkung ihres Vaters, Gewerbelehrer Karl Lapp aus Dörnigheim, gestaltet.

Um den kurzen Rundgang durch die Altstadt abzurunden, empfiehlt sich der Weg entlang am Behördenhaus zu einem kleinen Durchgang gegenüber der Rosenstraße, in dem zwei vergrößerte Pläne des alten Hanau die einzelnen Entwicklungsstufen und Verhältnisse von Alt- und Neustadt verdeutlichen. Auch seien Besucher auf einen Blick in die zahlreichen Innenhöfe der Baugesellschaftshäuser hingewiesen, in denen noch Reste der ersten Stadtbefestigung Hanaus und recht idyllische Grünflächen zu sehen sind.
 
Martin Hoppe