Dr. Leo Koref im Bild - Schenkung an den Hanauer Geschichtsverein

Beeindruckende Fotografien haben wir im April 2012 aus Bayreuth geschenkt bekommen. Auf ihnen ist der jüdische Hanauer Rechtsanwalt Dr. Leo Koref zu sehen, der nach den Pogromen im November 1938 am 1. April 1939 - vor 73 Jahren - nach Frankfurt am Main übersiedelte und von dort im August 1942 mit seiner Mutter in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Dort starb er am 17. Oktober 1942 an Bronchitis / akuter Herzschwäche. Die drei Bilder stammen aus dem Privatbesitz von Rosemarie Traxel, deren Familie mit Korefs befreundet war.
 
Monika Rademacher, Leiterin des Hanauer Stadtarchivs, das die Bestände des Hanauer Geschichtsvereins beheimatet, hat über den Hanauer Bürger folgende Zeilen aus den umfangreichen Archivmaterialien zusammengefasst: "Leo Koref wurde am 30. Januar 1876 in Rawitsch, damals preußische Provinz Posen, als Sohn des Rabbiners Dr. Markus Koref und seiner Frau Recha, geboren. Mit 4 Jahren erkrankte er an Kinderlähmung, die eine bleibende Beinlähmung und Gehbehinderung zur Folge hatte. Am 25. März 1884 erfolgte die Anmeldung der Familie mit Leos Geschwistern Henriette, Rosa, Lea und Felix in der Judengasse 56, der Hanauer Dienstwohnung des Rabbiners. In Hanau wurden noch die Kinder Fritz, Curt und Else geboren. Leo besuchte die Hohe Landesschule, die er 1894 mit dem Reifezeugnis verließ. Nach vorübergehender Tätigkeit in einem Hanauer Bankgeschäft studierte er Rechtswissenschaften an den Universitäten Berlin, München und Marburg, legte die erste Staatsprüfung ab und wurde 1898 zum Dr. jur.  promoviert (Thema seiner 51-seitigen Doktorarbeit: "Die verschiedenen Arten von Depots an Wertpapieren juristisch charakterisiert - mit besonderer Rücksicht auf das Depotgesetz vom 5.7.1896). 1902 avancierte er zum Gerichtsassessor und am 23. Januar 1903 zum Rechtsanwalt beim Landgericht Hanau. Als Sozius von Rechtsanwalt Dr. Malkmus bezog er sein Büro am Marktplatz 16 , am 11. Juni 1920 wurde Dr. Koref zum Notar ernannt. Nachdem sich Dr. Malkmus aus gesundheitlichen Gründen zurückzog, nahm Koref in seiner Praxis Rechtsanwalt Max Moritz als Mitarbeiter auf. Im Festbuch zur Einweihungsfeier der Ferdinand-Gamburg-Loge verfasste er 1910 einen "Überblick über die Geschichte der Juden in Hanau", 1921 ist er als Mitglied des israelitischen Vorsteheramts in Hanau und als Kreisvorsteher für die Synagogengemeinden des Landkreises Hanau belegt. Im Hanauer Anzeiger vom 5. April 1923 erschien von ihm ein Artikel über das "Geldentwertungsgesetz und die freien Berufe". Er war nicht verheiratet.
 
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann auch die Entrechtung und Verfolgung der Familie Koref: Am 7.  Juni 1933 wird Dr. Koref aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus seinem Amt als Notar entlassen, am 30. November 1938 verliert der die Zulassung als Rechtsanwalt. In seiner Privatwohnung in der Corniceliusstraße 12 ist er vom 1. November 1938 bis 31. März 1939 als Rechtskonsulent von Juden für die Landgerichtsbezirke Hanau und Marburg tätig. Am 13. November 1938 drangen mehrere maskierte Nationalsozialisten in den Abendstunden in die in der ersten Etage gelegene Wohnung ein, bedrohten die Mutter mit einer Pistole, misshandelten Leo mit Faustschlägen, zerschlugen eine Flasche auf seinem Koppf, zerbrachen seine Krücken, zerstörten und plünderten die Einrichtung, stahlen Schmuck, mehrere Tausend Reichsmark und eine Schreibmaschine, zerschnitten Teppiche und Polstermöbel. Trotz sofortiger Anzeige wurden die Täter nie ermittelt. Behandelt wurde Koref von Dr. Seufert in Vertretung von Dr. Bernhard Pfältzer. Dieser sorgte dafür, dass Koref in das Jüdische Krankenhaus Frankfurt gebracht wurde. Danach musste das Haus verkauft werden, die Mutter wurde in einem jüdischen Altersheim in Frankfurt untergebracht. Am 1. April 1939 siedelte Dr. Leo Koref nach Frankfurt am Main in die Westendstraße über, später wohnte er in der Gagernstraße. Am 19. August 1942  wurde er zusammen mit seiner Mutter Recha nach Theresienstadt deportiert. Sein Bruder Fritz erfuhr von einer Krankenschwester, die Theresienstadt überlebt hatte, dass seine Mutter dort gleich nach der Ankunft und Leo Koref am 17. Oktober 1942 starben. An Recha und Dr. Leo Koref wird an der 2010 eingeweihten Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer am Freiheitsplatz Hanau mit Messingtäfelchen gedacht. Seine Geschwister starben vor 1933 oder konnten emigrieren: Henriette nach Palästina, Rosa und Fritz nach Frankreich und die Schweiz."  
 
In den Unterlagen von Hanaus damaligem Kulturstadtrat Oskar Schenck, der sich in den Nachkriegsjahren große Verdienste um die Aussöhnung zwischen den jüdischen, evangelischen und katholischen Bürgerinnen und Bürgern Hanaus erworben hat, fanden sich folgende Zeilen: "Dr. Leo Koref war ein sehr begabter, gewissenhafter Rechtsanwalt, der sich in Hanau durch seine Aufgeschlossenheit, sein faires Verhalten sowie seine Menschenfreundlichkeit eine ansehnliche Praxis geschaffen hatte. Seine Klienten waren gut bei ihm aufgehoben. Er widmete sich ihnen auch dann mit aller Kraft, wenn sie nicht in der Lage waren, die ihm zustehenden Anwaltsgebühren zu zahlen. Er war ein guter Mensch im wahrsten Sinne des Wortes und hat im Stillen so Manchem eine Unterstützung in Geld zuteil werden lassen. Bekannt war in Juristenkreisen, daß er so manches Mal in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebende Referendare zum Mittagessen in den damaligen Bürgerverein eingeladen hat. Bei den Hanauer Richtern erfreute er sich wegen seiner ausgezeichneten Schriftsätze und seines taktvollen honorigen Verhaltens in Prozessen großer Achtung und Wertschätzung."
 
Der verdienstvolle Hanauer Bürger Dr. Leo Koref hat mit der Fotoschenkung von Frau Traxel über die bisher bekannten Daten endlich ein Gesicht erhalten. Mit den Bildern rückt uns der Mensch Koref nahe und lässt uns zugleich fragen: Warum Entrechtung, Verfolgung und industrielle Ermordung von Menschen im Dritten Reich, durch das NS-Regime und dessen willfährige Schergen - nur weil sie Juden waren?
 
Der Hanauer Geschichtsverein nimmt jederzeit gerne Schenkungen und Spenden für seine reichhaltigen - bis auf das Jahr 1844 zurückgehenden - Sammlungen der Stadt- und Regionalgeschichte entgegen. In manch Schubladen werden noch zahlreiche "Schätze" vermutet, die keinesfalls achtlos weggeworfen werden sollten, tragen sie doch oft als Mosaiksteinchen zum großen Ganzen bei. Die Bestände des Geschichtsvereins werden im Stadtarchiv, der landeskundlichen Abteilung Hanau-Hessen der Stadtbibliothek und im Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe aufbewahrt.

Zu den Fotos: Dr. Leo Koref im Personenporträt,
im Rollstuhl (er erkrankte mit 4 Jahren an Kinderlähmung) und
zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 1926 in Hanau.
Copyright: Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V.